Neue Reifen einfahren
Neue Reifen einfahren heißt, die ersten 200 bis 300 Kilometer ruhig zu fahren, bis Trennmittelreste der Produktion abgetragen sind und die Lauffläche angeraut ist. Erst danach erreicht der Satz seine volle Haftung. Wir erklären Ursache und Dauer sowie die Unterschiede bei Winterreifen und Motorrad.
Neue Reifen brauchen keine Schonung für ihre Haltbarkeit, sondern Zurückhaltung des Fahrers, solange die Oberfläche noch glatt ist.
Am Montag nach dem Räderwechsel ruft ein Kunde bei Jens Albrecht in Augsburg an. Seine neuen Reifen hätten Haare, ob das Fälschungen seien. Albrecht muss lachen und erklärt es: Die feinen Gummiborsten auf der Lauffläche sind Entlüftungsnoppen, ein Nebenprodukt der Vulkanisierung. Sie sind der Beweis, dass der Reifen noch nie gerollt ist. Und sie zeigen etwas Zweites, sagt Albrecht: dass die Oberfläche noch unbearbeitet ist und der Satz seine Griffigkeit erst erarbeiten muss.
Warum ein neuer Reifen noch nicht haftet
Ein neuer Reifen haftet erst nach den ersten 200 bis 300 Kilometern voll, weil seine Oberfläche glatt ist und Reste des Trennmittels aus der Produktion auf der Lauffläche sitzen. Beim Vulkanisieren in der Form verhindert dieses Mittel, dass der Gummi anbackt. Es muss abgerieben sein, bevor die Mischung ihre volle Griffigkeit zeigt.
Wie stark er ausfällt, hängt von Mischung, Hersteller und Modell ab. Namhafte Hersteller setzen bei hochwertigen Reifen kaum noch rutschige Trennmittel ein, und bei jüngeren Modellen ist der Effekt oft schwächer als früher. Ganz verschwunden ist das Thema nicht, denn die glatte Außenhaut und die fehlende Walkarbeit bleiben, und die Empfehlung gilt weiter. Dr. Henrik Lange, Ingenieur für Fahrzeugtechnik, fasst es so: „Neue Reifen brauchen keine Schonung für ihre Haltbarkeit, sondern Zurückhaltung des Fahrers, solange die Oberfläche noch glatt ist.“ Woraus die Mischung besteht und warum Silica im Winter anders arbeitet als Ruß im Sommer, erklärt der Beitrag zur Gummimischung.
Neben dem Trennmittel gibt es einen zweiten Grund, den Praktiker nennen: Gummi arbeitet erst, wenn es durchgewalkt und warm ist. Ein Reifen, der noch nie gerollt ist, hat diese Walkarbeit nicht geleistet, und die Haftung stellt sich Kilometer für Kilometer ein. Im Alltag fällt das kaum auf. Spürbar wird es erst im Grenzbereich, bei Nässe oder in der Notbremsung, und dort entscheidet der Unterschied zwischen eingefahren und neu über Meter.
Neue Reifen einfahren: 200 bis 300 Kilometer
Fahren Sie die ersten 200 bis 300 Kilometer mit mäßigem Tempo und ohne harte Manöver. Das ist eine Faustregel, keine Vorschrift: Wer in dieser Strecke keine Querbeschleunigung bis ans Limit fordert, gibt der Oberfläche Zeit, sich anzurauen. Praktisch heißt das:
- gleichmäßig beschleunigen und früh bremsen, keine Vollbremsung ohne Not
- Kurven mit mäßigem Tempo und gleichmäßigem Einschlag fahren
- auf nasser Fahrbahn mehr Abstand halten als gewohnt
- Autobahn nur mit moderatem Tempo, bis die Strecke gefahren ist
Der ADAC geht noch weiter: Er rät, neue Reifen in den ersten etwa 500 Kilometern nicht an ihr Haftungslimit zu bringen, weil sie ihr maximales Gripniveau erst nach einigen hundert Kilometern entwickeln, und nennt nasse Straßen als besonders kritisch. Auch Kavalierstarts und starkes Bremsen vermeiden Sie in dieser Zeit, soweit der Verkehr es erlaubt. Im Notfall bremsen Sie selbstverständlich mit voller Kraft, denn ein neuer Reifen ist kein defekter Reifen. Er hat nur noch nicht seinen besten Tag.
Zur Einfahrzeit gehört ein Nachkontrolltermin, der oft vergessen wird. Nach 50 bis 100 Kilometern sollten die Radschrauben mit dem Drehmomentschlüssel nachgezogen werden, je nach Hersteller mit 110 bis 140 Nm. Die Räder setzen sich in den ersten Kilometern auf der Nabe, und die Schrauben verlieren dabei etwas Vorspannung. Ein Wuchtfehler zeigt sich meist als Vibration im Lenkrad zwischen 100 und 120 km/h, dann gehört der Satz zurück auf die Wuchtmaschine.
Haben Sie nur zwei Reifen getauscht, gilt die Einfahrzeit besonders. Die Achse mit den neuen Reifen hat kurzzeitig weniger Haftung als die mit den eingefahrenen, und der Unterschied ist bei Nässe am deutlichsten. Montieren Sie die neuen Reifen deshalb an die Hinterachse und fahren Sie in dieser Zeit besonders vorsichtig durch Kurven, damit das Heck nicht zuerst das Limit erreicht.
| Reifenart | Einfahrstrecke | Besonderheit |
|---|---|---|
| Sommerreifen, Pkw | 200 bis 300 km | möglichst auf trockener Strecke beginnen |
| Winterreifen, Pkw | 200 bis 300 km | vor dem ersten Frost aufziehen und anfahren |
| Ganzjahresreifen, Pkw | 200 bis 300 km | wie Winterreifen, bei Montage im Winter besonders vorsichtig |
| Motorrad, Straßenreifen | 100 bis 200 km | Schräglage schrittweise steigern |
| Motorrad, Sportreifen | nach Herstellerangabe | Betriebstemperatur beachten |
Winterreifen einfahren
Winterreifen kommen meist im Oktober auf das Auto, oft kurz vor dem ersten Frost. Genau dann wird das Einfahren leicht übergangen, denn die weiche Mischung fühlt sich bei Kälte griffig an. Der Eindruck täuscht, solange die Oberfläche noch nicht bearbeitet ist. Auch Winterreifen werden mit Trennmittel hergestellt und brauchen dieselben 200 bis 300 Kilometer.
Albrecht beobachtet es jedes Jahr: Kunden lassen am Dienstag aufziehen, am Mittwoch fällt der erste Schnee, und am Donnerstag melden sich drei wegen angeblich schlechter Reifen. Sein Rat ist unspektakulär. Ziehen Sie Winterreifen deshalb rechtzeitig vor dem ersten Frost auf, auch wenn es die Temperatur noch nicht verlangt. Ein Wechsel bei sieben Grad Außentemperatur gilt als Orientierung, nicht als Gesetz; im Mittelgebirge kann der Winter früher kommen. Nutzen Sie die ersten Tage auf trockener Strecke, bevor Frost und Nässe die Haftung ohnehin fordern.
Ganzjahresreifen, die erst im Dezember aufgezogen werden, folgen derselben Regel, nur fehlt dann oft die trockene Strecke zum Anfahren. In diesem Fall gilt schlicht: langsamer fahren und mehr Abstand halten, bis die 300 Kilometer vorbei sind. Das kostet ein paar Minuten und verhindert, dass der erste Schneefall zum Test der Haftung wird.
Motorradreifen: kürzer, aber mit Schräglage
Bei Motorradreifen nennen Hersteller und Fachmedien meist 100 bis 200 Kilometer für Straßenreifen. Weiche Sportreifen brauchen oft weniger, und für sie gilt die Angabe des Herstellers vor jeder Faustregel. Der Unterschied zum Pkw liegt in der Schräglage: Wer ein Motorrad in eine Kurve legt, fährt nicht auf der Mitte der Lauffläche, sondern auf den Flanken, die bei einem neuen Reifen am längsten unberührt bleiben.
Beginnen Sie deshalb auf gerader Strecke und steigern Sie die Schräglage schrittweise. Die ersten Kilometer dienen auch dem Aufwärmen: Ein kalter Motorradreifen hat weniger Grip als ein betriebswarmer. Fahren Sie in den ersten Minuten besonders vorsichtig, danach schrittweise zügiger, und prüfen Sie nach der ersten Ausfahrt den Druck am kalten Reifen.
Wer Vorder- und Hinterreifen gleichzeitig wechselt, fährt auf zwei unbearbeiteten Flächen. Wer nur einen tauscht, kombiniert eine neue mit einer eingefahrenen Lauffläche, und beide unterscheiden sich im Grip. Die zweite Konstellation verlangt etwas mehr Zurückhaltung, weil Vorder- und Hinterrad dann unterschiedlich greifen.
Nach dem Einfahren: Druck, Profil, Start
Wenn die 300 Kilometer vorbei sind, lohnen drei Kontrollen. Messen Sie den Reifendruck kalt, wie unter Reifendruck beschrieben, und gleichen Sie ihn mit dem Aufkleber ab. Messen Sie die Profiltiefe als Startwert und notieren Sie sie, wie im Beitrag zum Reifenprofil gezeigt. Und rechnen Sie mit dem Laufleistungs-Rechner aus, wann der Satz bei Ihrem Fahrprofil bei 3 mm ankommt.
Wenn nach den ersten 300 Kilometern etwas auffällt, nehmen Sie es ernst. Zieht das Auto bei Geradeausfahrt zur Seite, läuft das Lenkrad schief oder brummt ein Rad, liegt das selten am Einfahren. Eine Achsvermessung und ein Blick auf Luftdruck und Wuchtgewichte klären die Ursache in den meisten Fällen schnell, und je früher, desto weniger Gummi geht dabei verloren.
Welche Größen und Optionsformate zu Ihrem Auto gehören, steht bei den Modellseiten. Ein Kleinwagen wie der Opel Corsa fährt oft mit schmalen Reifen, die Reifen für Opel Corsa führen die gängigen Formate auf. Bei einem SUV wie dem Kia Sportage kommen Winterformate und Optionsgrößen hinzu, nachzulesen bei den Reifen für Kia Sportage. Alle weiteren Handgriffe von der Kontrolle bis zur Einlagerung finden Sie in der Reifenpflege.
Häufige Fragen
Wie lange muss man neue Reifen einfahren?
Bei Pkw-Reifen nennen Hersteller und Fachmedien 200 bis 300 Kilometer, der ADAC rät sogar zu etwa 500 Kilometern ohne Grenzbereich. In dieser Zeit fahren Sie mit mäßigem Tempo, vermeiden harte Bremsungen und scharfe Kurvenfahrten und achten bei Nässe auf mehr Abstand. Motorradreifen brauchen meist 100 bis 200 Kilometer, bei Sportreifen gilt die Herstellerangabe.
Warum haften neue Reifen anfangs schlechter?
Die Oberfläche eines frisch vulkanisierten Reifens ist glatt, und es können Reste des Trennmittels haften, das die Reifen in der Form löst. Beides wird in den ersten Kilometern abgerieben. Wie stark der Effekt ausfällt, hängt von Mischung und Hersteller ab.
Gilt das Einfahren auch für Winterreifen?
Ja, dieselben 200 bis 300 Kilometer. Ziehen Sie Winterreifen deshalb rechtzeitig vor dem ersten Frost auf und fahren Sie sie auf trockener Strecke an. Wer erst bei Schnee oder Glätte beginnt, prüft die Haftung eines Reifens, der noch nicht bereit ist, und bremst entsprechend länger.
Was sind die kleinen Härchen auf neuen Reifen?
Es sind Gummiborsten, sogenannte Entlüftungsnoppen. Sie entstehen beim Vulkanisieren in den Entlüftungsbohrungen der Form und bleiben als feine Härchen auf der Lauffläche stehen. Sie sind kein Mangel, sondern zeigen, dass der Reifen noch nie gerollt ist, und verschwinden in den ersten Kilometern von selbst.
Muss ich nach dem Reifenwechsel noch etwas kontrollieren?
Ja. Ziehen Sie die Radschrauben nach 50 bis 100 Kilometern mit dem Drehmomentschlüssel nach, je nach Hersteller sind 110 bis 140 Nm vorgeschrieben. Prüfen Sie außerdem den Reifendruck am kalten Reifen und achten Sie auf Vibrationen, die auf eine Unwucht hindeuten.
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