Ganzjahresreifen
Ganzjahresreifen ersetzen zwei Radsätze durch einen und erfüllen die Winterpflicht nur mit Alpine-Symbol. Der Kompromiss geht für Wenigfahrer im milden Flachland auf, für Vielfahrer selten. Wir zeigen, was der ADAC gemessen hat, wie schnell der Verschleiß steigt und was vier Jahre in beiden Varianten kosten.
Ein Ganzjahresreifen ist ein guter Reifen für ein bestimmtes Leben: wenig Kilometer, mildes Klima, Garage statt Gebirge.
Der erste Entwurf der Kostentabelle in diesem Beitrag war falsch. Unser Volontär hatte den Ganzjahressatz einmal gerechnet, gegen zwei Saisonsätze mit Wechselgebühr, und kam auf eine Ersparnis von 940 Euro in vier Jahren. Jens Albrecht, Werkstattmeister in Augsburg, las den Entwurf und antwortete mit einem Satz: Bei 48.000 Kilometern in vier Jahren kauft man den zweiten Satz früher, als die Tabelle annimmt. Wir haben neu gerechnet. Das Ergebnis steht weiter unten, mit drei Spalten statt zwei, und es fällt weniger eindeutig aus.
Ganzjahresreifen: So funktioniert der Kompromiss
Ein Ganzjahresreifen verbindet eine Mischung, die zwischen Sommer- und Winterreifen liegt, mit einem Profil aus kräftigen Blöcken und feinen Lamellen. Er bremst bei Hitze etwas schlechter als ein Sommerreifen und greift auf Schnee schwächer als ein Winterreifen. Dafür entfällt der Wechsel im Frühjahr und im Herbst.
Die Mischung ist das Zentrum des Kompromisses. Ein Sommerreifen wird unter 7 Grad Celsius hart, ein Winterreifen im Sommer zu weich. Der Ganzjahresreifen versucht, beide Zustände auszuhalten, und zahlt dafür mit Reserven an den Rändern. Der ADAC formulierte es im Test 2024 trocken: Durch die Bank Alleskönner seien Ganzjahresreifen längst noch nicht. Von 16 geprüften Modellen empfahl er sieben, neun nicht.
„Ganzjahresreifen sind für Kunden mit 8.000 Kilometern im Jahr ein Segen und für Kunden mit 30.000 Kilometern ein teurer Irrtum. Dazwischen müssen wir rechnen“, sagt Jens Albrecht. Wir teilen diese Einschätzung, und sie gilt unabhängig vom Marketing der Hersteller: Wer einen Reifen für alle Lagen kauft, kauft für jede Lage etwas weniger als das Beste. Das ist kein Mangel, solange man ihn kennt.
Spürbar wird der Kompromiss an drei Stellen. Auf heißem Asphalt im August verlängert sich der Bremsweg gegenüber einem guten Sommerreifen, der Goodyear verlor im ADAC-Test 2024 genau dort Punkte. Am verschneiten Hang kommt der Ganzjahresreifen meist noch an, bremst aber länger als ein Winterreifen, und das merken Sie erst bei der Gefahrenbremsung. Auf der nassen Autobahn zeigt sich die weichere Auslegung oft als leicht schwammigeres Einlenken, ein Effekt, den man erst im direkten Vergleich bemerkt.
Alpine-Symbol und Pflicht: Was ein Ganzjahresreifen erfüllen muss
Ein Ganzjahresreifen erfüllt die Winterreifenpflicht in Deutschland nur mit Alpine-Symbol. Fehlt das Bergpiktogramm mit der Schneeflocke, gilt der Reifen bei winterlichen Verhältnissen als Sommerreifen. Die Bezeichnung auf der Seitenwand allein, ob All Season, 4Seasons oder CrossClimate, ersetzt das Zeichen nicht.
Seit dem 1. Oktober 2024 zählt M+S ohne Alpine-Symbol nicht mehr. Wer ältere Ganzjahresreifen fährt, die vor 2018 gebaut wurden, sollte die Flanke daraufhin lesen. Die Bußgeldstufen von 60 bis 120 Euro, der Punkt in Flensburg und die Haftungsfolgen im Schadenfall sind im Beitrag zu Winterreifen zusammengestellt. In Österreich und Italien gelten zusätzliche Regeln, Ketten inbegriffen, und ein Ganzjahresreifen ersetzt dort bei Kettenpflicht per Schild die Ketten nicht.
Was der ADAC gemessen hat: Tests 2024 und 2026
Der ADAC testete Ganzjahresreifen zuletzt in zwei Größen. Im Juli 2024 veröffentlichte er einen Test mit 16 Modellen in 205/55 R16, der klassischen Golf-Größe, im Juni 2026 folgten 16 Modelle in 185/65 R15, der Kleinwagengröße. Beide Tests zeigen dasselbe Muster: wenige gute Reifen, viele durchschnittliche, eine Gruppe, die auf Schnee schlicht überfordert ist.
| Reifen (ADAC 2024, 205/55 R16) | Gesamtnote | Preis je Reifen | Auffälligkeit |
|---|---|---|---|
| Goodyear Vector 4Seasons Gen-3 | 2,4 (gut) | 120 Euro | beste Umweltbilanz, über 60.000 km Prognose, in Sommerhitze schwächer |
| Pirelli Cinturato All Season SF2 | 2,6 (befriedigend) | keine Angabe | beste Sicherheitsnote 2,3, nur etwa 33.000 km Prognose |
| Michelin CrossClimate 2 | 2,7 (befriedigend) | 131 Euro | Schwächen bei Nässe |
| Nankang Cross Seasons AW-6 | im Bereich ausreichend | 79 Euro | günstigster Reifen im Test |
Der Goodyear war der erste Ganzjahresreifen überhaupt mit der Note gut in einem ADAC-Test dieser Reihe. Bemerkenswert ist die Schere bei der Strecke: Der Pirelli hatte die beste Sicherheitsnote und die beste Nassbremsung, läuft aber nur etwa halb so lange, und der ADAC empfahl ihn deshalb ausdrücklich für Wenigfahrer.
Im Test 2026 in 185/65 R15 schnitt als einziger der Continental AllSeasonContact 2 mit 2,3 gut ab, der Pirelli Cinturato All Season SF 3 und der Michelin CrossClimate 2 erhielten je 2,6. Acht Modelle sind nicht empfehlenswert, fünf erhielten die Note mangelhaft (4,9 bis 5,5) und waren auf Winterfahrbahn überfordert. Wie gut ein Ganzjahresreifen im Winter ist, steht also nicht auf der Flanke, sondern im Test. Dazu passt ein Detail aus 2026: Das Modell mit dem besten Winterergebnis, der Dunlop All Season 2, fiel auf trockener Straße ab. Der Kompromiss verteilt sich je nach Reifen anders, aber er verschwindet nie.
Wir ziehen daraus eine Konsequenz für den Einkauf: Entscheiden Sie nach dem Test Ihrer Größe, nicht nach dem Markennamen. Ein Testsieger in 185/65 R15 bleibt in 205/55 R16 ein unbekannter Reifen, bis der ADAC ihn dort geprüft hat. Das EU-Reifenlabel hilft nur begrenzt, weil es weder Schneegriff im Detail noch Laufleistung abbildet.
Verschleiß: Warum 4 Millimeter die Rechnung ändern
Die Laufleistungsprognosen des ADAC reichen bis zur gesetzlichen Grenze von 1,6 Millimetern. Für einen Reifen, der im Winter noch auf Schnee greifen soll, ist diese Grenze zu niedrig. Unsere Rechnung: Nimmt man 8 Millimeter Neuprofil und gleichmäßigen Abrieb an, bleiben bei einem Wechsel bei 4 Millimetern nur rund 62 Prozent der prognostizierten Strecke: Bis 1,6 Millimeter wären 6,4 Millimeter abzufahren, bis 4 Millimeter sind es nur 4.
Der Goodyear kommt so auf mindestens 37.500 Kilometer, der Pirelli auf etwa 20.600. Bei 12.000 Kilometern im Jahr ist der Pirelli-Satz nach knapp zwei Jahren winteruntauglich, der Goodyear nach gut drei. Das ist keine Kritik am Reifen, sondern Arithmetik, und sie erklärt, warum die Tabelle im nächsten Abschnitt zwei Varianten für den Ganzjahressatz zeigt. Wie lange Ihr Satz bei Ihrer Fahrleistung bis zur 4-Millimeter-Marke hält, rechnet der Laufleistungs-Rechner aus, wenn Sie dort 4 statt 3 Millimeter ansetzen. Zu wenig Luft, harte Beschleunigung und Spurfehler verkürzen die Strecke zusätzlich, bei Ganzjahresreifen mit ohnehin knapper Reserve umso mehr. Bei schweren Fahrzeugen, etwa Elektroautos mit hohem Leergewicht und sofort anliegendem Drehmoment, fällt der Abrieb höher aus.
Kostenvergleich über vier Jahre: Zwei Sätze gegen einen
Der Kostenvergleich hängt an zwei Annahmen: der Jahresfahrleistung und der Lebensdauer des Ganzjahressatzes. Wir rechnen mit der Kompaktklassegröße 205/55 R16 im Quality-Segment, 12.000 Kilometern im Jahr, also 48.000 Kilometern in vier Jahren. Die Preise sind Annahmen der Redaktion auf Basis der Händlerspannen 2026 und der ADAC-Preise von 2024: 85 Euro je Sommerreifen, 105 Euro je Winterreifen, 110 Euro je Ganzjahresreifen, jeweils im Rahmen der Aufschläge unserer Preisübersicht, dazu 30 Euro Montage und Wuchten je Reifen, 35 Euro je Radwechsel und 220 Euro für vier Stahlfelgen als Zweitsatz.
| Posten (4 Jahre, 48.000 km) | Zwei Sätze | Ganzjahr, ein Satz | Ganzjahr, zwei Sätze |
|---|---|---|---|
| Reifen | 760 Euro | 440 Euro | 880 Euro |
| Montage und Wuchten | 240 Euro | 120 Euro | 240 Euro |
| Zweitfelgen aus Stahl | 220 Euro | 0 Euro | 0 Euro |
| Radwechsel (8 mal 35 Euro) | 280 Euro | 0 Euro | 0 Euro |
| Summe | 1.500 Euro | 560 Euro | 1.120 Euro |
| je Jahr | 375 Euro | 140 Euro | 280 Euro |
Hält der Ganzjahressatz die vollen vier Jahre, sparen Sie 940 Euro. Muss er nach etwa zwei Jahren ersetzt werden, schrumpft die Ersparnis auf 380 Euro. Der Fall mit einem Satz setzt voraus, dass der Reifen im vierten Winter unter die 4-Millimeter-Marke rutschen darf oder Sie weniger fahren, mit dem Goodyear-Wert aus dem ADAC-Test ist das bei 12.000 Kilometern im Jahr knapp. Wer die Räder einlagern lässt, schlägt beim Zweisatzbetrieb 30 bis 60 Euro je Saison obendrauf, über vier Jahre also 240 bis 480 Euro, wer sie im Keller lagert, nichts.
Der Zeitraum verschiebt das Ergebnis. Auf acht Jahre gerechnet und bei hoher Fahrleistung schrumpft der Vorsprung des Ganzjahressatzes, weil Saisonsätze mit halber Jahresleistung deutlich länger halten. Bei Wenigfahrern wächst er, aus einem anderen Grund: Nach sechs Jahren zählt das Alter, nicht mehr das Profil. Bei 8.000 Kilometern im Jahr sind 48.000 Kilometer erst nach sechs Jahren erreicht, und dann steht ohnehin der Check im Fachbetrieb an. Aktuelle Spannen für andere Größen enthält die Übersicht zu Reifenpreise 2026.
Für wen Ganzjahresreifen taugen und für wen nicht
Ein Ganzjahresreifen ist ein guter Reifen für ein bestimmtes Leben: wenig Kilometer, mildes Klima, Garage statt Gebirge. Die Tabelle fasst unsere Einschätzung zusammen. Sie ist eine Redaktionsmeinung, kein Gutachten, und sie lässt Raum für Ausnahmen: Wer 20.000 Kilometer im Jahr im Rheinland fährt, kommt mit einem guten Ganzjahresreifen oft weit.
| Fahrprofil | Einschätzung |
|---|---|
| Stadt und Umland, unter 10.000 km im Jahr, Garage | geeignet |
| Zweitwagen, mildes Klima, wenig Autobahn | geeignet |
| Pendeln, 15.000 bis 25.000 km, überwiegend Autobahn | eher Saisonreifen |
| Mittelgebirge, Alpen, Skiurlaub | Winterreifen |
| Anhänger, hohe Beladung, Dauertempo | Saisonreifen |
Ein Kleinwagen im Stadtverkehr ist der klassische Fall, die passenden Größen und Hinweise je Generation stehen unter Reifen für VW Polo. Ein Allradantrieb, wie es ihn beim Dacia Duster gibt, ändert an der Rechnung wenig: Der Antrieb hilft beim Anfahren auf Schnee, aber nicht beim Bremsen, und Bremsen entscheidet im Winter über den Unfall. Die Daten zum Modell finden Sie unter Reifen für Dacia Duster.
Vor dem Kauf lohnt ein kurzer Abgleich, den wir in der Redaktion für jeden Satz machen:
- Alpine-Symbol auf der Flanke, M+S allein reicht nicht
- Test in der eigenen Größe, aktuell und mit Note für Schnee, Nässe und Verschleiß
- Herstellungsdatum im DOT-Code, möglichst nicht älter als ein Jahr
- Preis je Reifen im Verhältnis zur prognostizierten Laufleistung
Wer unsicher ist, sammelt zuerst Zahlen. Notieren Sie ein Jahr lang Ihre Kilometer und die Tage mit Schnee oder Glätte auf Ihrer Strecke, dann entscheiden Sie mit Daten statt mit Bauchgefühl. Alle Saisonthemen finden Sie im Bereich Reifen nach Saison, das gesamte Magazin bündelt die Startseite zu Reifen, und das Gegenstück zum Ganzjahressatz ist der Sommerreifen mit seinem Temperaturfenster.
Häufige Fragen
Sind Ganzjahresreifen in Deutschland als Winterreifen erlaubt?
Ja, aber nur mit Alpine-Symbol, dem Bergpiktogramm mit Schneeflocke. Seit dem 1. Oktober 2024 genügt die reine M+S-Kennzeichnung nicht mehr. Wer bei winterlichen Verhältnissen mit einem Ganzjahresreifen ohne dieses Zeichen fährt, riskiert nach § 2 Abs. 3a StVO ein Bußgeld ab 60 Euro und einen Punkt.
Für wen lohnen sich Ganzjahresreifen?
Für Fahrer mit geringer Jahresfahrleistung, vor allem in Stadt und Umland, in Regionen mit wenig Schnee und mit Garage. Wir sehen die Grenze bei etwa 15.000 Kilometern pro Jahr. Wer regelmäßig ins Mittelgebirge, in die Alpen oder lange Strecken auf der Autobahn fährt, ist mit Saisonreifen besser bedient.
Wie schnell verschleißen Ganzjahresreifen?
Schneller als ein einzelner Saisonreifen, weil sie zwölf Monate laufen. Der ADAC prognostizierte 2024 in 205/55 R16 für den Goodyear Vector 4Seasons Gen-3 über 60.000 Kilometer, für den Pirelli Cinturato All Season SF2 nur etwa 33.000. Wer bei 4 Millimetern wechselt, kann nur rund 62 Prozent davon nutzen.
Wie viel Profil brauchen Ganzjahresreifen im Winter?
Gesetzlich gelten 1,6 Millimeter (§ 36 StVZO). Für Schnee und Matsch empfehlen ADAC und Redaktion mindestens 4 Millimeter, im Sommer genügen 3 Millimeter. Ein Ganzjahresreifen mit 3 Millimetern darf also noch in den Sommer, sollte aber vor dem ersten Schnee ersetzt werden.
Was kostet ein Satz Ganzjahresreifen?
Im ADAC-Test 2024 lagen die Händlerpreise in 205/55 R16 zwischen 78 und 131 Euro je Reifen, der Sieger Goodyear kostete 120 Euro. Ein Satz kostet damit 312 bis 524 Euro, bevor Montage und Wuchten mit etwa 20 bis 40 Euro je Rad dazukommen.
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